Warum Purple einen Redaktionsprofi als Head of Consulting holt und was Sie als Verlag davon haben
Vom Chefredakteur zum Head of Consulting: Andreas Müller über die Zukunft des Regionaljournalismus, zentrale Workflows und warum Verlage gemeinsam stärker sind.


Die Zukunft des Regional- und Lokaljournalismus entscheidet sich in den kommenden Monaten und Jahren. Sie hängt davon ab, ob Verlage mutig und klug entscheiden. Wer es schafft, das große Vertrauen der Leserinnen und Leser sowie die eigene lokale Expertise konsequent zu nutzen, kann heute mit neuen Produkten und Erlösmöglichkeiten eine so große Leserschaft erreichen wie nie zuvor.
Die Voraussetzungen dafür sind Klarheit, Mut und Innovation. Genau hier setzt Purple an. Mit Andreas Müller haben wir seit Anfang Mai einen Redaktionsprofi im Team, der den Newsroom aus eigener Erfahrung kennt. Vom Volontär über mehrere redaktionelle Führungsrollen bis zum Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung hat er rund 20 Jahre in einem Regionalverlag verbracht und weiß, wie Veränderung in Redaktionen gelingt und wie eher nicht. Wir haben mit ihm über seinen Wechsel, seine neue Rolle als Head of Consulting und darüber gesprochen, was Sie als Verlag davon haben.
Nach mehr als 20 Jahren im Journalismus und dem Weg vom Volontär bis zum Chefredakteur bist du jetzt zu Purple gewechselt. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt?
Ich blicke sehr zufrieden auf zwei Jahrzehnte im Journalismus zurück. Ich habe als Reporter, als Chef vom Dienst, als Redaktionsmanager und Führungskraft einen reichen Erfahrungsschatz sammeln dürfen. Im biblischen Alter von 49 Jahren war es nun einfach an der Zeit für einen Tapeten- und Perspektivwechsel. Bei Purple arbeiten die Kollegen mit derselben Leidenschaft für den Journalismus, wie ich das immer schon getan habe. Das passt also sehr gut für mich und zu mir.
Mit dir als Head of Consulting wurde bei Purple eine neue Rolle geschaffen. Warum brauchen Redaktionen heute mehr Begleitung bei Veränderungsprozessen und wie möchtest du sie dabei unterstützen?
Ich habe in 15 Jahren in redaktioneller Führungsverantwortung sehr viel darüber gelernt, wie Veränderung einerseits gelingt und was Wandel andererseits hemmt. Das möchte ich gern einbringen in einer herausfordernden Zeit, in der gerade in Regional- und Lokalverlagen kluge und mutige Entscheidungen gefragt sind. Ich verstehe mich als Sparringspartner für Entscheider in Medienhäusern. Ich werde mich hüten, als Besserwisser aufzutreten, aber ich versuche schon, die Leute ein wenig aus der Komfortzone zu holen. Jedenfalls möchte ich auch in meiner neuen Rolle bei Purple dazu beitragen, dass guter Journalismus eine gute Zukunft hat.
Du beschreibst dich selbst als jemanden an der Schnittstelle von Content, Workflows und Systemen. Was bedeutet das konkret und welche Erfahrungen aus der Redaktion bringst du besonders ein?
Eine gute Zukunft hat der Journalismus meiner Meinung nach, wenn die drei Komponenten gut und sinnvoll aufeinander abgestimmt sind. Der Kern von allem ist für mich unbedingt relevanter, handwerklich sauberer journalistischer Inhalt für gewachsene und neue Produkte. Und dann brauchst du eine effiziente Organisation der Arbeitsabläufe sowie die richtige Technologie. Die drei Rädchen müssen sauber ineinandergreifen. Ich habe in meinen unterschiedlichen Rollen Erfahrung in allen drei Bereichen gesammelt und weiß vor allem, wie wichtig es ist, dass alles in der Praxis im Newsroom funktioniert und nicht nur in der Theorie auf Präsentationsfolien.
Welche Herausforderungen begegnen dir derzeit in Regional- und Lokalverlagen besonders häufig?
Die Teams in den Redaktionen werden tendenziell nicht größer, um es mal vorsichtig zu sagen. Und gleichzeitig steigt der Druck, immer mehr Kanäle inhaltlich passgenau zu bedienen. Ich sehe darin grundsätzlich eine große Chance. Aber ohne die richtige strategische Steuerung und ohne die richtigen Tools wird daraus schnell eine Überforderung. Und natürlich ist es eine enorme Herausforderung, den Spagat zwischen neuen digitalen Kanälen und dem guten alten Print unfallfrei hinzubekommen.
Purple verfolgt den Ansatz: Inhalte einmal erstellen. Überall publizieren. Warum wird ein zentraler Workflow für viele Verlage immer wichtiger?
Multichannel-Publishing hat ein enormes Potenzial. Verlage können damit mehr Menschen in ihren Gebieten erreichen als je zuvor. Aber es wird weder wirtschaftlich sinnvoll noch organisatorisch möglich sein, für jeden Kanal ein eigenes Redaktionsteam zu unterhalten oder aufzubauen. Da braucht es in den Redaktionen Offenheit für technologische Unterstützung. Durch KI-optimierte Anreicherung und Strukturierung von Inhalten in einem zentralen Workflow erreiche ich mit meiner Story die Nutzerinnen und Nutzer dort, wo sie sind, und mit Formaten, die sie nachfragen. Aber nochmal: Alles steht und fällt mit der Relevanz und der Qualität des Kern-Inhalts.
Ein Schwerpunkt deiner Arbeit sind Workshops und Sparrings mit Verlagen. Was erwartet Teilnehmer an einem solchen Tag und welche Themen stehen aktuell besonders im Fokus?
Wir setzen bei den Workshops auf praxisorientierten Austausch mit und unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus den verschiedenen Häusern. Es stehen ja alle vor denselben oder sehr ähnlichen Herausforderungen. Wir wollen ihnen zeigen, dass es einsatzbereite Lösungen für ihre Probleme gibt, und ihnen die Möglichkeit geben, selbst mit unseren Tools zu arbeiten. Mein erklärtes Ziel ist es, die Workshops so weit wie irgend möglich zur Buzzword-freien Zone zu machen und praxistaugliche Anstöße zu liefern.
Mit Nitro baut Purple eine Plattform für unabhängige Regionalverlage auf. Was steckt hinter der Idee und warum kann Zusammenarbeit für Verlage heute ein Vorteil sein?
Nitro fußt auf unserer Überzeugung, dass es heute technologische Herausforderungen gibt, denen sich ein wirtschaftlich und journalistisch ambitioniertes Haus nicht mehr allein stellen darf. Gemeinsam sind die Verlage stärker. Sie lernen mit- und voneinander, teilen Lösungen und Investitionen, halten zusammen mit uns als unabhängigem Technologiepartner die Innovationskraft und das Umsetzungstempo hoch. Auf einer hochmodernen und hochdynamischen technologischen Basis erstellen, präsentieren und vermarkten die Verlage dann eigenständig ihre etablierten Marken, ihre neuen Produkte, ihre exklusiven Inhalte und ihren regionalen Wissensschatz.
Du warst bereits in deiner ersten Woche bei Purple beim Branchentreffen des VDL dabei. Wie wichtig ist der direkte Austausch mit Verlagen und was können Medienhäuser voneinander lernen?
Wer nur im eigenen Saft schmort und glaubt, alles im Alleingang machen zu müssen, wird unter seinen Möglichkeiten bleiben. Offener Austausch und ein Schulterschluss in der Branche sind meines Erachtens die bessere Option. Ich fand die Gespräche beim Branchentreffen des VDL ermutigend. Da war kein Schönreden der Herausforderungen, da war aber auch keine Verzagtheit, sondern es gab viele selbstbewusste Ideen für eine erfolgreiche Zukunft des Regionaljournalismus.
Wie sich Strategie, Workflows und Technologie konkret zusammenbringen lassen, erleben Sie am besten im direkten Austausch. Genau das ist die Idee hinter unserem Nitro-Workshop: ein Tag in Berlin für unabhängige Lokal- und Regionalverlage, an dem die Teilnehmenden selbst im System planen, schreiben und über alle Kanäle publizieren, bis hin zur automatisierten Print-Seite. Die nächsten Termine sind der 27. August und der 22. September 2026, die Teilnahme ist kostenfrei und die Plätze sind begrenzt. Alle Informationen und die Anmeldung finden Sie hier: purplepublish.com/nitro-workshop-regionalverlage
Über den Autor
Timo Lamour leitet das Marketing von Purple. Er studierte Medienwissenschaften und arbeitete als freier Mitarbeiter bei der Tageszeitung Die Glocke, bevor er 2017 zu Purple kam und dort vom Werkstudenten zum Head of Marketing aufstieg.
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