INMA World Congress 2026: Drei Verlage zeigen, wie Agentic AI in Produktion läuft
Wie Holtzbrinck, Hindustan Times und Ippen Digital AI-Agenten bereits produktiv einsetzen und warum die meisten Verlage noch darüber reden. Recap von John Rahim aus Berlin.
Für uns war es in diesem Jahr ein Heimspiel: Der INMA World Congress fand direkt vor unserer Haustür in Berlin statt und die Kombination aus internationalen Perspektiven, konkreten Cases und echtem Austausch auf Augenhöhe macht dieses Event zu einem der absoluten Branchen-Highlights des Jahres. Dass der Kongress bereits im Vorfeld ausverkauft war, zeigt, wie groß das Momentum gerade ist. Hier ist John Rahims Recap der spannenden Agentic-AI-Session.
Holtzbrinck: Den Raum betreten
Die erste Frage für jeden Verlag, der es mit AI ernst meint, ist die nach dem Lernort. Holtzbrincks Antwort: ein Büro in San Francisco. Katharina Neubert und Claire Furino stellten Holtzbrincks AI-Hub in San Francisco vor — neun Monate alt, mit zwei Personen besetzt, finanziert mit weniger als 1 % des Gruppenumsatzes. Neuberts Punkt war klar: Europäische Verlage begegnen AI-Unternehmen typischerweise über deren Vertriebsfunktion. Die Menschen, die die Produkte und Modelle bauen, sitzen in der Bay Area und das sind nicht dieselben Menschen.
Der Hub arbeitet auf drei Ebenen:
- Signalerfassung und Synthese für die Konzernführung;
- Wissenstransfer über ein internes Residency-Programm;
- Direktinvestitionen, mit sechs Unternehmensbeteiligungen seit dem Start. Das Residency-Programm ist bewusst nicht-technisch ausgelegt.
Jede Holtzbrinck-Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann sich für eine dreimonatige Residency in San Francisco bewerben, um ein Projekt von der Idee bis zum MVP zu entwickeln, typischerweise in 11 Wochen. 24 bis 30 Projekte haben das Programm bereits durchlaufen — von einem neuro-symbolischen Kontroll-Layer zwischen MCP-Outputs und Modellergebnissen bis hin zu einer Buchclub-App, die Audience-Signale für Programmentscheidungen aufdecken soll. Letztere wurde von einer Mitarbeiterin gebaut, die, nach eigener Aussage, vor der Residency noch nie mit AI gearbeitet hatte. Furino, die die technische Seite des Hubs leitet, beschrieb, wie sie die gesamte Management-Infrastruktur (Bewerbungstracking, C-Level-Reporting über alle sieben Geschäftseinheiten hinweg sowie ein Agentic Layer zur Verarbeitung eingehender Anfragen) in 30 Tagen mit zwei Personen aufgebaut hat.

Wichtigste Erkenntnisse aus der Holtzbrinck-Session:
- Physische Präsenz in San Francisco verschafft Zugang zu den Menschen, die AI-Produkte bauen, nicht nur zu denen, die sie verkaufen.
- Eine Residency, die auch Nicht-Techniker*innen offensteht, beschleunigt den kulturellen Wandel parallel zum Aufbau technischer Fähigkeit; sie verändert auch, wie Einzelne über das Mögliche denken.
- Gemeinsame Tracking-Infrastruktur überführt einzelne Projektergebnisse in institutionelles Wissen über die gesamte Gruppe hinweg.
- Die Investitionsseite positioniert den Hub so, dass er Renditen erzielen kann, die seine eigenen Kosten ausgleichen.
Hindustan Times: So sieht volle Skalierung aus
Vor der Case Study legte Verma dar, warum Stillstand keine Option mehr ist. Audience-Vertrauen erodiert: 40 % der Leserinnen und Leser weltweit weichen Nachrichten heute manchmal oder oft aus, gegenüber 9 % vor einigen Jahren. Print- und Digitalumsätze sinken auf breiter Front. Und AI verteilt Traffic auf eine Weise um, auf die Verlage nur begrenzt Einfluss haben. Als Google im September 2024 Änderungen an Discover ausrollte, gehörten die Hindustan Times zu den hart Getroffenen. Plattformabhängige Verlage berichten von Referral-Verlusten zwischen 20 und 70 %.
Die Logik folgt unmittelbar. Wenn Verlage Traffic an AI-gesteuerte Suche verlieren, kann die Antwort nicht sein, noch mehr Piloten zu fahren. Die Geschwindigkeit, mit der AI interne Kompetenz potenzieren kann, ist der einzige Hebel, den Verlage direkt kontrollieren.

Hindustan Times Digital hat das Experimentierstadium hinter sich gelassen und misst Ergebnisse:
- 97,4 % des Codes wird inzwischen von Agenten generiert.
- Der monatliche Code-Output ist von 300.000 auf 1,7 Millionen Zeilen gestiegen, bei gleich großer oder kleinerer Entwicklerschaft.
- Die Lieferzeiten im Engineering haben sich um 60–70 % verbessert.
- Die Vertriebszyklus-Dauer wurde um 40 % verkürzt durch AI-generierte Pitch-Decks, die in Stunden statt fünf bis sieben Tagen entstehen.
- Repeat-Client-Raten im Advertising-Geschäft sind um 20 % gestiegen, dank automatisierter Post-Campaign-Insight-Reports, die direkt an Kunden gehen.
- 12 AI-Tools laufen aktuell in Produktion; 10 weitere, aus einem kürzlich durchgeführten Hackathon, werden in diesem Monat ausgerollt.
Das Organisationsmodell hinter diesen Zahlen ist mindestens so lehrreich wie die Technologie selbst. Die Hindustan Times haben in jeder Abteilung AI-Evangelisten identifiziert: keine Technikerinnen, sondern fachliche Domänenexpertinnen, die als Übersetzer zwischen Fähigkeit und Anwendung fungieren. AI-Adoption ist inzwischen direkt mit den Leistungsbeurteilungen verknüpft: Wer AI nicht nutzt, erfüllt die Erwartungen nicht. Ein öffentliches Leaderboard gamifiziert die Adoption, die aktivsten Nutzer*innen werden auf monatlichen All-Hands ausgezeichnet.
„Die Frage ist nicht, ob wir adaptieren. Sondern wie schnell wir umsetzen können."
Die Governance-Struktur ist bewusst gewählt: An jeder Stufe der Agenten-Pipeline sitzt ein menschlicher Reviewer und Qualitätssicherungs-Agenten auditieren den Output anderer Agenten. Das Ziel ist nicht, Menschen aus dem Loop zu nehmen, sondern neu zu definieren, wo im Loop sie sitzen.
Ippen Digital: Die Architekturfrage
Markus Franz, CTO von Ippen Digital und Gründer von dessen Inkubator-Lab, plädierte für ein anderes mentales Modell. Hört auf, in einzelnen AI-Tools zu denken. Agenten sind das Betriebssystem; Skills (wiederverwendbare, komponierbare Capability-Module) sind die Anwendungen, die darauf aufgebaut werden.
Ippen hat eine Suite von Agenten gebaut, die Content-Recherche, SEO, Audience Analytics und redaktionelle Qualitätssicherung abdecken, orchestriert von einem Conductor Agent, der Aufgaben unter spezialisierten Sub-Agenten verteilt. Ein Recherche-Workflow, der einer Journalistin vorher zwei bis drei Stunden abverlangte, dauert jetzt fünf Minuten — 300 Artikel werden gescannt, relevantes Material wird mit vollständiger Quellentransparenz hervorgehoben.
Praktische Beobachtungen von Franz:
- Agenten sollten wie junge Mitarbeitende behandelt werden: Sie brauchen Onboarding, Kontext, definierte Personas und explizite Vorgaben zu Tonalität, Prioritäten und redaktionellen Standards.
- Multi-Agenten-Systeme erfordern, dass jeder Agent eine „Agent Card" trägt — eine definierte Identität, die Agent-zu-Agent-Kommunikation über Abteilungsgrenzen hinweg ermöglicht.
- Skills (wiederverwendbare Capability-Module) sind langlebigere Investitionen als einmalige Agentenbauten.
- Interface-Design ist aktuell der Flaschenhals: Die meisten Agenten-Outputs landen noch als Textwüsten, mit denen Redakteur*innen nicht effizient arbeiten können.
- Die Adoptionskurve folgt einem vorhersehbaren Muster: zuerst Exploration, dann spezialisierte Use Cases, dann genuin neuartige Workflows, die aus dem Alltag der Nutzer*innen heraus entstehen.
Die Lücke ist keine Technologielücke
Die Distanz zwischen den fortgeschrittensten und den am wenigsten weit entwickelten Verlagen im Raum ist keine Technologielücke. Die Tools sind zugänglich, werden günstiger und die Anbieter bewegen sich schnell. Was die 97,4 % AI-generierten Code-Output der Hindustan Times von einem Verlag trennt, der noch manuelle Marketing-Workflows fährt, ist nicht der Zugang zu besserer Software. Es ist die organisatorische Entscheidung, Adoption als nicht verhandelbar zu setzen und Governance, Anreize und Messrahmen zu bauen, die es tragen. Keiner der drei wartet ab, wie sich die Sache entwickelt.
Wenn drei Partner und zwanzig Verlagsentscheider an einem Tisch sitzen
Manchmal sind die wichtigsten Gespräche eines Kongresses nicht die auf der Bühne. Am Mittwochabend luden Piano, Purple und conversario während des INMA World Congress in Berlin zum gemeinsamen Partnerdinner.

Wenn drei Partner und rund zwanzig Verlagsentscheider an einem Tisch zusammenkommen, die alle dasselbe Ziel verfolgen entstehen erfahrungsgemäß die besten Gespräche. Berlin als Gastgeberstadt hat seinen Teil dazu beigetragen: Die Vielfalt der deutschen Publishing-Community wurde an diesem Abend besonders sichtbar.
Für uns war der diesjährige INMA World Congress ein Heimspiel. Dass das wichtigste internationale Branchen-Event direkt vor unserer Haustür stattfand, war für uns ein Highlight des Jahres. Wir bedanken uns bei Clemens Hammacher (Piano) und Kevin Kallenbach (conversario) für die gemeinsame Ausrichtung und bei allen Gästen für einen Abend, der den Begriff „Austausch auf Augenhöhe" mit Inhalt gefüllt hat.






