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Gleiche Diagnose, sieben verschiedene Therapien: Der WAN-IFRA World News Media Congress in Marseille

Sechzig Länder, drei Tage und eine Frage, die niemand beantworten konnte: Was bleibt dem Journalismus, wenn die Plattformen keine Klicks mehr schicken? John Rahim hat den WAN-IFRA World News Media Congress 2026 in Marseille in sieben Beobachtungen zusammengefasst. Wir geben seinen Bericht hier mit seiner Genehmigung wieder.

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John Rahim
23.06.2026
Weiches Licht verschwommen in Violett, Lila und Weiß auf dunklem Hintergrund.

1. KI-Training ist ein Diebstahl, den die Branche zu höflich war, beimNamen zu nennen

A.G. Sulzberger von der New York Times führte eine schlichte Rechnung vor: Ein KI-Modell entsteht aus vier Zutaten, nämlich Talent, Rechenleistung, Energie und Daten. Die ersten drei werden fürstlich bezahlt, die vierte wird einfach genommen. Die sechs führenden KI-Konzerne sind zusammen rund 11 Billionen Dollar wert, doch die Lizenzvereinbarungen mit Verlagen machen davon weniger als ein halbes Prozent aus. Sein Rezept: das Urheberrecht verteidigen, nur zu tragfähigen Konditionen lizenzieren und gemeinsam handeln statt jede verängstigte Redaktion für sich.

2. Die Verteidigungslinien des Guardian sind beeindruckend. Ob sie halten,ist eine andere Frage

Katharine Viner führt den Guardian, eine Zeitung ohne Eigentümerschaft, ohne Aktionärinnen und Aktionäre und mit 125 Millionen Pfund wiederkehrenden Lesererlösen, von denen inzwischen 83 Prozent von außerhalb des Vereinigten Königreichs stammen. Gemessen an den Branchenmaßstäben eine außergewöhnliche Position. Und doch benannte sie ohne Umschweife die Gefahr: die Fähigkeit der KI, die direkte Verbindung zwischen dem Guardian und seiner Leserschaft zu durchtrennen. Ihre Antwort heißt SPUR, die im Februar mit BBC, FT, Sky News und Telegraph gestartete Verlagskoalition.

3. Gemeinsam handeln oder allein gehen: SPUR gegen Le Monde

WAN-IFRA verkündete eine Partnerschaft mit SPUR und 30 neue Mitglieder, kurz nachdem Louis Dreyfus von Le Monde erklärt hatte, warum er nicht beitritt. Dreyfus hat eigene Vereinbarungen mit OpenAI, Perplexity und Meta geschlossen und argumentiert, kollektives Verhandeln sei zu langsam. David Buttle, einer der Architekten von SPUR, hielt dagegen: Ein Deal sei die Illusion von Kontrolle. Die Plattformen zahlten dafür, nicht verklagt zu werden, nicht für den Zugang.

4. OpenAI war da, hörte aufmerksam zu und verpflichtete sich zu nichtsKonkretem

Varun Shetty und Tom Rubin von OpenAI kamen mit einer stimmigen Botschaft: OpenAI sei Verlagen nicht feindlich gesinnt und habe über einen WAN-IFRA-Accelerator und eine Kohorte des Lenfest Institute mehr als 160 Redaktionen unterstützt. Beim Wertausgleich aber blieben die Antworten vage. Keine Umsatzbeteiligung, Publisher-Dashboards weiterhin nur auf der Liste, und Absichtserklärungen dort, wo eine konkrete Zusage erbeten wurde.

5. Google schickt noch Traffic. Der Wechselkurs verschlechtert sich.

Wird eine KI-Übersicht ausgelöst, verlieren die fünf besten organischen Treffer rund 40 Prozent ihrer Klicks, ohne dass es für zeitlose Inhalte einen Schutz gäbe, der dem Kasten der Top-Meldungen entspräche. Buttle zog die strukturelle Linie: Google tauscht immerhin Inhalte gegen Traffic. ChatGPT trägt keine vergleichbare Verpflichtung, und Verlage, die noch Seitenaufrufe zählen, benutzen die falschen Messinstrumente.

6. Redaktionen sagen alle die richtigen Dinge. 61 Prozent geben nichts fürWeiterbildung aus.

Die Studie Future of the Newsrooms von FT Strategies, gestützt auf 450 Antworten aus 86 Ländern, vertritt die These, dass Redaktionen in eine Gemeinschafts-Ära eintreten, in der originärer Journalismus und direkte Leserbeziehungen das entscheidende Gut sind, das die KI nicht nachbilden kann. Doch die Lücke zwischen Rhetorik und Praxis ist eklatant. Trotz der betonten Dringlichkeit berichten 61 Prozent der Redaktionen, dass sie nichts für Weiterbildung ausgeben. Die wertvollste Neueinstellung, so das Fazit der Session, sei nicht mehr die Fachkraft für Social Media, sondern die journalistisch arbeitende Person mit tiefem Fachwissen und starken Quellen.

7. Europa legt Gesetze für Medienfreiheit vor. Das Geld ist nicht gefolgt.

Henna Virkkunen von der Europäischen Kommission verwies auf den nun in Kraft befindlichen Media Freedom Act und einen vorgeschlagenen Programmstrang Media Plus über 3,2 Milliarden Euro ab 2028, die erste strukturierte EU-Förderung mit einem eigenen Ziel für Nachrichten. Beim Urheberrecht hat die Kommission ein Beweisaufnahmeverfahren zur DSM-Richtlinie und zur Ausnahme für Text- und Data-Mining eröffnet. Catherine Pégard vom französischen Kulturministerium argumentierte, die entscheidende Ebene für Regulierung sei nun die europäische.

Was Marseille klärte und was nicht

Der Kongress war sich über die Diagnose einig und über sonst nichts. Sulzberger prozessiert, Viner schmiedet Koalitionen, Dreyfus schließt Deals, Buttle setzt Standards. Keiner dieser Wege hat sich bislang als ausreichend erwiesen. Die Verlage reisten mit derselben Frage ab, mit der sie angekommen waren: Was haben Sie, das ein Chatbot nicht ersetzen kann, und wird Ihre Leserschaft dafür zahlen?

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Über den Autor

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John Rahim
Sales Director UK, Purple

John Rahim betreut als UK Advisor seit Jahren das Geschäft von Purple in Großbritannien und Irland, von der Anforderungsanalyse neuer Kunden bis zur Einführung der Plattform. Seine Wurzeln liegen im digitalen Publishing: Er war General Manager von SPRYLAB in UK und arbeitet bis heute mit Verlagen wie The Telegraph, The Guardian und DMG Media. In seinem eigenen Newsletter schreibt er regelmäßig über Publishing, Advertising und KI.

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